Archäologie


Der Heidengraben 
Bei der Betrachtung der keltischen Zivilisation sind wir jedoch nicht vollständig auf die archäologischen Quellen angewiesen, beschreibt doch Caesar in seinem Gallischen Krieg sehr ausführlich und mit vielen Details die keltischen Gallier. Allerdings beschränkt er sich in seinem um 50 v. Chr. verfassten Kriegsbericht weitgehend auf die im heutigen Frankreich lebenden Stämme, doch lässt sich vieles auch auf unser Gebiet übertragen. Hier sind vor allem seine Schilderungen der keltischen Städte, der Oppida, interessant, liegt doch auf der Alb zwischen Hülben, Erkenbrechtsweiler und Grabenstetten eine der größten Anlagen dieser Art überhaupt.

Der Heidengraben mit seinen vielen Befestigungswerken reicht zwar über den Kreis Esslingen hinaus, doch muss man die Anlage natürlich als Ganzes betrachten (Abb. 172). Der Kern der Anlage, die "Eisachstadt" liegt verteidigungstechnisch besonders günstig auf einem zwischen Grabenstetten und Burrenhof nach Süden vorspringenden Gelände, das von recht steilen Hängen begrenzt wird. Es ist gegen die Albhochfläche durch eine 1,4 km lange Mauer mit vorgelagertem Graben abgeriegelt, und auch im Süden der Stadt wird ein von Urach heraufziehender Albaufstieg durch weitere Mauern gesichert.

 


So entsteht eine befestigte Innenfläche von 153 Hektar, in die mindestens drei Tore führten. Hierbei sind die Tore A und D deutlich auf Albzugänge ausgerichtet. Wo sie die Hochfläche erreichen, steht der Fremde unmittelbar vor der Torbefestigung. Die Tore A und B sind allerdings durch die Landwirtschaft stark verändert, ihre weit in den Innenraum ziehenden Wangen wurden abgetragen. Der Heidengraben ist schon in einem Lagerbuch des 16. Jahrhunderts erwähnt, und auch der Ort Grabenstetten wurde nach ihm benannt, doch ist über die eigentliche Siedlung bisher kaum etwas bekannt. Lediglich bei einer kleinen Untersuchung des Tores A im Jahre 1908 wurden einige spätkeltische Funde gemacht, die genaue Lage der Siedlung und ihre Ausdehnung ist archäologisch dagegen völlig unbekannt.

Dass diese Stadt jedoch von sehr vielen, wahrscheinlich in die Tausende reichenden Menschen dauernd bewohnt gewesen sein muss, ergibt sich schon aus der Größe der Befestigung. Der Bau der weit über einen Kilometer langen Steinmauern erforderte einen gewaltigen Arbeitsaufwand, der nur sinnvoll war, wenn diese Befestigungen auch durch die entsprechende Zahl an Verteidigern gehalten werden konnte. Für eine kurzfristig in Notzeiten benutzte Fluchtburg hätte es in diesem günstig zu verteidigenden Gelände Flächen gegeben, die mit viel kleinerem Aufwand hätten gesichert werden können. Zur eigentlichen Stadtbefestigung kommen beim Heidengraben nun aber noch ausgedehnte Vorwerke, die die Zugänge zur gesamten Berghalbinsel zwischen Grabenstetten und Erkenbrechtsweiler sichern. Sie liegen immer dort, wo begehbare Albaufstiege die Hochfläche erreichen.

Südlich von Grabenstetten wird der Heidengraben gegen die Alb zu geschlossen. Der etwa 175 m lange Wall wie auch der Graben sind hier außergewöhnlich gut erhalten, und auch das Tor, das westlich des heutigen Straßendurchstichs im Wald liegt, ist noch ungestört. Auf die Konstruktion der Mauern und Tore werden wir gleich zurückkommen. Heute dagegen völlig verschwunden ist eine zweite Befestigungslinie, die am westlichen Ortsrand von Grabenstetten an der Uracher Steige ansetzte und dann quer durch den Ort auf die Ruine Höfen zu lief. Auch das Tor H, das in der Nähe der Mühle lag, ist nicht mehr zu sehen. Durch einen knapp einen Kilometer lange Mauer wird die Hülbener Halbinsel abgeschnitten. Sie verläuft wenig westlich des Burrenhofes. Der Wall ist stellenweise stark verflacht, außerordentlich gut erhalten ist dagegen das mächtige Zangentor F mit einer rund 35 m tiefen Torgasse.



Die Konstruktion der Mauern und Tore zeigt überall dort, wo man bisher Untersuchungen durchgeführt hat, den gleichen Aufbau. Am nördlichsten Heidengrabenstück, das nördlich von Erkenbrechtsweiler verläuft, wurde die keltische Mauertechnik rekonstruiert. Das etwa 300 m lange Wallstück ist nur noch als Geländeabsatz zu erkennen, und auch das Tor G war schlecht erhalten. Es liegt dort, wo das Lenninger Tälchen auf die Albhochfläche kommt. Auch dieses hatte zwei parallel in den Innenraum ziehende Torwangen und wurde immer als Zangentor beschrieben. Bei dieser für die keltischen Oppida typischen Torform wird eine nach innen ziehende Torgasse, ein Zwinger, durch eine hölzerne Torkonstruktion verschlossen. Als das Tor G 1981 ausgegraben wurde, zeigte es sich jedoch, dass hier ein etwas abweichender Grundriss vorliegt, bei dem die Torwangen nicht parallel verlaufen wie etwa bei Tor F, sondern trichterförmig auf den Torverschluss zuziehen. Sie bilden so einen Vorplatz, der von der Mauer aus beschossen werden konnte. Wie das hölzerne Tor genau ausgesehen hat, ist kaum mehr zu sagen, nur die sechs mächtigen, etwa einen Meter in den anstehenden Kalkfels gehauenen Löcher für die Holzpfosten wurden gefunden. In sie wurden für die Rekonstruktion behauene Eichenbalken gestellt.

Die Mauer selbst zeigte die typische Bauweise als Pfostenschlitzmauer. Bei ihr wird die Mauerfront durch senkrechte Pfosten gehalten, zwischen die Trockenmauerwerk gesetzt ist. Die Pfosten sind nach hinten zu gegen den Mauerdruck verankert. Die Mauer war aus Erde, Steinen und Kies aufgeschüttet, sie trug sicherlich einen Wehrgang und hatte keine senkrechte Rückfront, sondern war über eine Erdrampe an allen Stellen zu besteigen. So entstand ein an seiner Sohle um 10 m breiter Mauerkörper. Die Befunde des Tores G wurden nach der Ausgrabung rekonstruiert (Abb. 173). Dabei verzichtete man darauf, ungesicherte Teile der Befestigung darzustellen, d. h. der gesamte Oberbau der Mauer und das Torhaus wurden nicht rekonstruiert. Original ist das alte keltische Straßenpflaster. Es zeigt deutlich die speckig abgelaufenen Steine, auch der anstehende Fels im Bereich des Tordurchlasses ist durch das viele Gehen verrundet. Auf dem Straßenpflaster wurden bei der Grabung Hunderte von eisernen Schuh- und Hufnägeln gefunden. Ein Graben ist vor diesem Befestigungsstück nicht vorhanden, lediglich einige Materialgruben liegen vor der Mauer.

Bei der Verbreiterung der Straße nach Beuren wurde am Westende der Mauer 1976 ein flacher, in den Fels gehauener Graben beobachtet, bei dem es sich allerdings weniger um einen Verteidigungs- als einen Materialgraben gehandelt hat. Er ist heute oberflächig nicht mehr zu sehen. Durch die geschilderten Außenwerke wird zusätzlich zur Eisachstadt eine Gesamtfläche von rund 1600 Hektar gesichert. Der Heidengraben ist damit das größte keltische Oppidum, das wir kennen. Um so mehr fragt man sich, warum diese Keltenstadt ausgerechnet hier lag. Caesar schildert die Oppida als Siedlungs-, Markt- und Handelsmittelpunkte mit Tausenden von Bewohnern.

Nun ist die Alb bei Grabenstetten nicht gerade siedlungsfreundlich. Die Böden sind ohne künstliche Düngung wenig fruchtbar, das Klima ist rau und kalt, und vor allem die Wasserversorgung war in trockenen Sommern recht schwierig. Für die Anlage der Stadt spricht dagegen die außerordentlich gute Verteidigungsbedingung. Die steilen Albhänge waren auch ohne große Befestigung leicht zu überwachen, so daß man sich auf die Sicherung einzelner Abschnitte beschränken konnte. Hierzu kommt noch eine Vermutung, die archäologisch bisher nicht bewiesen werden konnte.

Im Braunjura liegen Eisenvorkommen, deren Abbau sich heute nicht mehr lohnen würde. Doch gerade in den Tälern um den Heidengraben, von Metzingen über Neuffen, Beuren bis in das Tiefenbachtal finden wir ausgedehnte Hinweise auf Erzabbau und Verhüttung. Es sind große Schlackenhalden und zahlreiche Eisenöfen. Allerdings ist ihr Alter noch nicht geklärt. Bei einer kleinen Grabung konnten einige von ihnen in die alamannische Zeit um 700 n. Chr. datiert werden, während es für die Keltenzeit bisher keine Belege gibt. Trotzdem kann es kein Zufall sein, dass gerade die Keltenstadt Heidengraben in der Mitte dieser Eisenverhüttungsreste liegt. Der Heidengraben wird dem Besucher durch einen archäologischen Wanderpfad erschlossen, der durch die gesamte Anlage führt und an dem alle Objekte durch eine ausführliche Beschilderung erläutert werden. Ausdrücklich sei auch auf den im Literaturhinweis genannten Führer zum Heidengraben aus der Feder von Professor F. Fischer, Tübingen, hingewiesen.

 
Aus "Kunst, Archäologie und Museen im Kreis Esslingen" (Konrad Theiss Verlag)

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Diese Seite wurde zuletzt am 24.05.2006 bearbeitet.
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